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Neue Schulkonzepte brauchen neue Räume
In den vergangenen Jahren ist das wechselseitige Interesse zwischen Architektur und Pädagogik, die spannende Beziehung zwischen den Räumen und dem Lernen nicht nur in Deutschland stärker in den Fokus gerückt. Wenn beide Seiten die jeweils unterschiedliche Fachlichkeit respektieren, kann aus diesem Dialog eine neue Lernkultur erwachsen, deren Beitrag zu sozialer Integration und Stadtent-wicklung nicht unterschätzt werden sollte. Auf fünf Aspekte möchte ich eingehen und freue mich auf die anschließende Diskussion.
1. Licht, Luft, Bewegung und Ruhe
Brauchen neue Schulkonzepte neue Räume? Vieles in diesem Zusammenhang ist sehr elementar und nicht einmal neu: Kinder und Jugendliche brauchten schon immer und brauchen auch heute Licht, Luft, Bewegungsraum, damit Lernen gelingt. Stärker in den Fokus gerückt ist allerdings die besondere Bedeutung der akustischen Qualität von Lernräumen. Das Hören geht dem Verstehen voraus, ohne gutes Hören ist kein Lernen möglich.

Neue Unterrichtskonzepte setzen auf Individualisierung, kooperatives Lernen und ein hohes Maß an Eigenaktivität – hierfür braucht man Flächen, Räume und Mobiliar, die einerseits Bewegung und Kommunikation zulassen und gleichzeitig Sammlung und Konzentration ermöglichen, Lärmentwicklung also bestmöglich reduzieren. Hörsamkeit ist deshalb ein wesentliches Qualitätsmerkmal von Lernräumen.
2. Wertschätzung
Kinder und Jugendliche erkennen am Zustand ihrer Schulen, welche Wertschätzung die Gesellschaft ihnen und ihrem Lernen entgegenbringt. Sie sind ja nicht freiwillig in der Schule, sondern in Erfüllung der von der Gesellschaft normierten Schulpflicht. 10.000 – 15.000 Stunden ihrer wachen Zeit verbringen sie in Räumen und Unterrichtsarrangements, die "ihre" Erwachsenen zu verantworten haben. Niemand sollte die Kinder und Jugendlichen unterschätzen: sie beobachten und beurteilen ihre Umgebung sehr genau und sensibel. Ihre Sensoren sind empfindlich und sie können sich gar nicht davor schützen, alles wahrzunehmen und sich von vielem auch irritieren zu lassen. Architektonische Qualität und bauliche Sorgfalt werden in der Regel mit Achtsamkeit beantwortet. Das Gegenteil stimmt allerdings auch: über nachlässigen Umgang mit vernachlässigten Räumen muss sich niemand wundern.
3. Veränderungsoffenheit
Es ist weder sinnvoll noch praktikabel, für jeden Unterrichtszweck separate Räume vorzuhalten. Für die Gestalt und Ausstattung allgemeiner Unterrichtsräume gibt es eine "Faustregel": ungefähr 30 Prozent der Woche arbeitet ein Schüler/eine Schülerin allein, in individueller Auseinandersetzung mit Herausforderungen unterschiedlichster Art, ungefähr 30 Prozent der Zeit ist dem Lernen mit einem Partner oder in der Kleingruppe gewidmet, ca. 30 Prozent der Schulwoche sind eher frontal organisiert; die Lerngruppe verfolgt einen Lehrer- oder Schülervortrag, eine Präsentation, ein Experiment und etwa 10 Prozent der Unterrichtszeit finden in der Großgruppe, im Kreis, beim Besprechen der gemeinsamen Angelegenheiten statt. Alle diese Aktivitäten müssen in täglich wechselndem Mischungsverhältnis auf der gleichen Fläche möglich sein. Der unkomplizierte, schnelle Wechsel der Sozialformen bedarf einer hinreichend großen Grundfläche (70 qm bei einer Klassengröße von 20 Kindern ist eine gute Orientierung), geeigneten beweglichen Mobiliars und ausreichender Zeitreserven, um diese Beweglichkeit einzuüben.
4. Werkstätten
Jeder Klassenraum ist eine Werkstatt, mit gut sortierten Werkzeugen, Lagerflächen, Ordnungssystemen, die die Kinder und Jugendlichen in eigener Regie gestalten und intensiv nutzen können. Das gleiche Prinzip gilt auch für Theaterbühne und Musikräume, Laborräume und Selbstlernzentren, Technikräume und Sporthallen, also für Räume, die im Unterschied zu den allgemeinen Unterrichtsräumen jeweils spezifischen Tätigkeiten/Aktivitäten gewidmet sind. Intuitiv verständliche Ordnungssysteme und handwerkliche Sorgfalt haben auch eine ästhetische Qualität, für die Kinder und Jugendliche besonders empfänglich sind. Solche Dinge altern in Würde, auch bei intensivster täglicher Nutzung.
5. Innen und außen und die Membran dazwischen
Neue Schulkonzepte setzen auf Dialog, Kooperation und Transparenz. Für die architektonische Gestaltung bedeutet dies, die Verbindung zwischen innen und außen bewusst zu gestalten. Keine hermetische Abriegelung zwischen Flur und Unterrichtsraum, zwischen Schulhof und Innenraum, zwischen Lehrerarbeitsraum und Forum, sondern eher eine Membran, die so viel Schutz wie nötig und so viel Transparenz wie möglich gewährleistet. Man könnte auf viele Wände verzichten und würde ein größeres Maß an wechselseitiger Aufmerksamkeit und Achtsamkeit gewinnen.
 
Abschließend: Ich möchte dazu ermutigen, sich bei der Planung und Gestaltung von Lernräumen bewusst und in professioneller Form auf die Sichtweisen und die Gestaltungslust der Kinder und Jugendlichen einzulassen. Natürlich erfordert ein partizipativ angelegter Planungsprozess nicht nur viel Zeit, sondern auch vielfältige methodische Ansätze, oft auch Sprachbrücken, aber das Ergebnis wird nicht nur unter dem Aspekt der Aneignung besser sein, sondern auch gestalterisch gewinnen.
 
 
Lernlandschaften gestalten, 5. Symposium für Baukultur in Niedersachsen, 20. Juni 2011, Podiumsdiskussion
Text: Helga Boldt, Schulleiterin Neue Schule Wolfsburg

 
 
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