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Eröffnungskonferenz der Führungskräfte 2011
 
Gute Schulführung – Was steckt dahinter?
Eine Schule, zu leiten ist keine leichte Aufgabe. Dazu braucht es umfassendes Wissen, Erfahrung und starke Nerven. Helga Boldt, Schulleiterin an der „Neuen Schule Wolfsburg" und Jurymitglied des Deutschen Schulpreis, sprach zu, diesem Thema.
 
„Gute Schulen haben gute Schulleitungsteams - Träger der Qualitätsentwicklung ist nie der inspirierende Schulleiter allein. Aber ohne gute Schulleitung gibt es keine gute Schule", so Helga Boldt bei der Eröffnungskonferenz der Schulführungskräfte 2011 am 26. August 2011 in der Europäischen Akademie in Bozen. Thema des Beitrags war die Rolle der Schulleitung zwischen Unterrichtsqualität und Schulsystementwicklung. Aus eigener langjähriger pädagogischer und verwaltungstechnischer Erfahrung kann sie einiges dazu sagen. Zusammen mit einem Team baute sie vor wenigen Jahren die „Neue Schule Wolfsburg" auf - ein Geschenk des Automobilherstellers „Volkswagen" an die Stadt Wolfsburg.


Bitte keine Selbstüberschätzung!
„Trotz der großen Verantwortung", so Boldt, „sollte man sich im Klaren darüber sein, dass der Bildungsprozess im Eigentlichen immer noch eine individuelle Angelegenheit ist; nicht alle Hindernisse im Bereich der Bildung sind durch gutes Schule-Machen, durch engagierte Schulleitungen, passionierte Lehrerinnen und Lehrer zu überwinden. Lebensprobleme können größer und vorrangiger sein als Lernprobleme."

 
Es gelte, so die Pädagogin, Selbstüberschätzung in Führungspositionen zu vermeiden, um nicht lähmende Enttäuschung bei den im Bildungssystem Tätigen hervorzurufen. Aufgabe einer Schulführungskraft sei es nach wie vor, den Handlungsraum mit Energie, Fantasie, Mut und Klugheit auszugestalten und somit bestmögliche Bedingungen fürs Lernen zu schaffen. Es sei ein Entwicklungsprozess, der nicht von heute auf morgen stattfindet.
 
 
Evaluation als Chance zur Verbesserung
Sich selbst zu verbessern, fängt damit an, den Stand der Dinge selbstkritisch zu hinterfragen und nach den Schwachstellen im eigenen Tun und Handeln zu suchen. Helga Boldt ist Mitglied der Jury des Deutschen Schulpreises; einmal im Jahr werden nach anspruchsvollen Kriterien eine Schule mit dem Deutschen Schulpreis und sechs weitere Schulen mit Teilpreisen ausgezeichnet. Ihre Bewerbungen können die Schulen freiwillig einsenden und nutzen diese Gelegenheit meist als eine Art Selbstvergewisserung ihrer Schulqualität, sagt Helga Boldt. Die Preise werden abwechselnd von der Bundeskanzlerin oder dem Bundestagspräsidenten übergeben und haben in Deutschland großes Gewicht. Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung zählt die Pädagogin einige Gemeinsamkeiten auf, die gute Schule ausmachen:
 
Das Geheimnis der guten Schulführung
  • Gute Schulen haben gute Schulleitungsteams - verantwortlich für eine gute Schule ist nie der inspirierende Schulleiter allein. Aber ohne gute Schulleitung gibt es keine gute Schule.

  • Gute Schulen verfügen über Gestaltungsfreiräume und sind sich ihrer Verantwortung diesbezüglich bewusst.

  • Man kriegt nichts geschenkt - Schulqualität muss erkämpft werden, häufig gegen Widerstände im System, in den lokalen Verhältnissen, in der Elternschaft, im eigenen Kollegium. Gute Schulen wachsen in diesen Konflikten zusammen.

  • Schulqualität entwickelt sich nicht linear, sondern in Sprüngen, manchmal auch rückwärts und nicht in Monaten, sondern in Jahrzehnten. 
Die „Neue Schule Wolfsburg"
 
Schulleiterin Helga Boldt im Interview
 
Die „Neue Schule Wolfsburg" gibt es seit dem Schuljahr 2009/2010. Sie ist ein Geschenk des Volkswagenkonzerns anlässlich des 70. Geburtstags der Stadt Wolfsburg. Welches sind die Besonderheiten der Schule, was hebt sie von den anderen Schulen im Umkreis ab?
 
Helga Boldt: Die Schule bietet den Kindern und Jugendlichen einen ganztägigen Erfahrungsraum und verbindet Primar- und Gesamtschule zu einer pädagogischen Einheit, in der sich individuelle Begabungsförderung und soziales Lernen wechselseitig ergänzen. Im Unterschied zu vielen anderen Privatschulen ist sie ausdrücklich als „Schule für alle" konzipiert; ihre soziale und interkulturelle Zusammensetzung entspricht der Stadt Wolfsburg. Die Größe der Lerngruppen ist auf 22 Schülerinnen und Schüler begrenzt - eine gute Voraussetzung, damit Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und Leistungspotenzial miteinander und voneinander lernen können. Ungefähr ein Viertel unserer Schülerschaft erlebt wegen der beruflichen Mobilität der Eltern einen Teil seiner Schulbiografie in anderen sprachlichen und kulturellen Kontexten. Auch deshalb ist „Internationalität" eines der profilgebenden Merkmale der Schule und bedeutet nicht nur Mehrsprachigkeit, sondern die Ausbildung von Weltverständnis, von Globalitätssinn.
 
Wie läuft der Schulalltag ab?
 
Helga Boldt: Die Schultage für inzwischen fast 400 Schülerinnen und Schüler beginnen und enden mit offenen Lernzeiten. Von 7:30 bis 17:00 Uhr sind die Erwachsenen für die Kinder und Jugendlichen verfügbar; die Kernunterrichtszeit liegt zwischen 8:30 und 15:45 Uhr. Wir arbeiten fast immer in 90-Minuten-Einheiten und fassen viele Fächer zu übergreifenden Sinneinheiten zusammen. Im Primarbereich wird in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen gearbeitet. Das gemeinsame Frühstück und Mittagessen sind wichtige Strukturelemente innerhalb eines rhythmisierten Tages, in dem auch Kunst, Musik, Theater und Bewegung einen hohen Stellenwert besitzen.
 
Worauf sind Sie bei dieser neuen Schule besonders stolz?
 
Helga Boldt: Es ist wirklich keine Kleinigkeit, in so kurzer Zeit eine „Grundstimmung“ zu schaffen, in der jedes einzelne Kind in seiner Entdeckerfreude wahrgenommen wird, individuelle Lernwege gehen kann und gleichzeitig soziale Zugehörigkeit innerhalb einer stärkenden Gemeinschaft erfährt. Das gelingt nur durch enge Kooperation im Kollegium, durch engagierte Fach- und Jahrgangsteams und durch Einbindung in pädagogische Netzwerke. Nur so kann es zum Beispiel auch gelingen, auf Ziffernnoten zu verzichten und gleichwohl transparente Rückmeldungen zum Lernstand und zur Leistungsentwicklung zu geben.
Auch das alte Schulgebäude ist inzwischen von einer lebendigen Werkstattatmosphäre geprägt, in der unterschiedliche Sozialformen und Lernhaltungen ihren Rahmen finden. Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte finden Räume vor, an denen die Wertschätzung des Lernens in allen Facetten ablesbar ist.
 
Wie viel Einfluss hat „Volkswagen" als Initiator der Schule auf den Schulbetrieb? Wird das auch kritisch gesehen?
 
Helga Boldt: Wir sind gebunden an die Kerncurricula und Abschlussprüfungen des Landes, insofern gibt es keinen inhaltlichen Einfluss des Schulträgers auf das Unterrichten. Befürchtet wurde zunächst, der Zugang zu dieser besonderen Schule konnte einer exklusiven Schicht, einer Elite vorbehalten bleiben.
Diese Vorbehalte konnten durch ein transparentes Auswahlverfahren ausgeräumt werden. Die institutionelle Nähe zu „Volkswagen" öffnet uns aber viele Türen zu einem handlungsorientierten Unterricht, dessen Praxisnähe sich nicht nur auf Technik bezieht, sondern viele weitere Aspekte gesellschaftlicher Realität einbezieht, zum Beispiel Mobilität und Nachhaltigkeit, internationale Verflechtungen und Gerechtigkeit, betriebliche Mitbestimmung und Wettbewerb. Für die Oberstufe ist eine stärkere Verzahnung von beruflicher und allgemeiner Bildung vorgesehen - für Südtirol nichts Ungewöhnliches, in Deutschland immer noch Neuland - und auch hierbei kooperieren wir eng mit dem Ausbildungsbereich von „Volkswagen".
 
Verena Hilber - Info-Redaktion
 
 
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