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Interview mit Chen Zhu
Chen Zhu kam im Oktober 2009 als Zwölfjährige ohne Deutschkenntnisse aus Changchun nach Deutschland. Sie wurde in den ersten Sekundarjahrgang der Neue Schule Wolfsburg aufgenommen. Im Mai 2011 wechselte sie aus der sechsten Klasse der Neuen Schule in die siebte Klasse des Theodor-Heuss-Gymnasiums, weil es an der Neuen Schule Wolfsburg zurzeit noch keine siebte Klasse gibt. Zum Abschluss sprach Schulleiterin Helga Boldt mit ihr über ihre Erfahrungen. 
1. Chen, was wusstest du über Deutschland, als du im Oktober 2009 hier eingeschult wurdest? Welche Vorstellungen / Erwartungen hattest du?

Ich wusste fast gar nichts, nur dass es in Deutschland sehr sauber sein soll und dass der Autoverkehr anders als in China funktioniert. In China ist es immer gefährlich, wenn man allein über die Straße geht, besonders in meiner Heimatstadt Changchun. Ich habe erwartet, dass es in der deutschen Schule einfacher sein würde als in China und dass ich gut mit den anderen Schülerinnen und Schülern umgehen würde. Und dass ich schnell Deutsch lernen würde.


2. Kannst du etwas erzählen über die Unterschiede zwischen deiner chinesischen und dieser deutschen Schule?

Ich war an einer Mittelschule. An jedem Tag musste ich um 5 Uhr aufstehen, um 6 Uhr an der Bushaltestelle stehen. Die Schule begann um 7:30 Uhr. Es gab eine Mittagspause von 45 Minuten und dann Unterricht bis 18 Uhr. Auch am Samstag gab es Unterricht bis mittags und dann noch zu Hause Hausaufgaben, auch in den Ferien. Nicht alle schaffen das. Nur die Kinder, die es schaffen, können auf die guten Schulen gehen. Meine Schule war eine gute Schule. Anfangs habe ich immer viel verglichen, was die beiden Länder betrifft, also die Unterschiede gesucht.
 

3. Und welche Unterschiede zwischen Deutschland und China sind dir besonders aufgefallen?

Im Vergleich zu Deutschland sind die Menschen in China ganz zurückhaltend, aber wenn du sie richtig kennst, sind viele sehr nett. Manche auch sehr schlau: Manchmal muss man genau nachdenken, was man sagt und was man besser nicht sagt.
Meine beste Freundin in China ist sehr nett, aber sie redet nicht so viel und nicht offen. Ich war zwischendurch einmal in Changchun und habe viel von Deutschland erzählt, weil alle viel gefragt haben und sehr interessiert waren.
 

4. Wer hat dir geholfen, dich einzuleben?

Mein Stiefvater, meine erste Klassenlehrerin, Frau Wackenroder, und alle Kinder in meiner Klasse. Außerdem Frau Mertin und Frau Zhou.
 

5. Du hast sehr schnell gelernt, Deutsch zu verstehen. Wie ist dir das gelungen?

Meine Mama ist sehr anspruchsvoll, aber das ist auch gut, weil ich dadurch den Druck hatte und schnell, schnell, schnell machen musste. Die Lehrer haben darauf geachtet, dass die anderen Kinder nur am Anfang mit mir Englisch geredet haben, später lief alles auf Deutsch. Deutsch ist immer um mich herum und es ist spannend, wenn ich das höre. Ich konzentriere mich immer, weil ich auch überlege, was ich schon verstehen kann. Das ist ganz gut. Ich verstehe manchmal fast alles.
 

6. Du hast Deutsch-Förderunterricht in einer Kleingruppe gemeinsam mit Ana aus Mexiko und Robyn aus Südafrika erhalten und zusätzlich Chinesisch-Brückenunterricht als Einzelunterricht bei Frau Zhou bekommen. Was hast du in diesen Stunden gemacht?

Bei Frau Mertin haben wir viele Sprachübungen gemacht, auch viele Spiele zu Dritt und beim Spielen ganz viel gelernt. Mit Frau Zhou habe ich zu Anfang mehr Naturwissenschaften und andere Sachfächer besprochen, dabei viel Vokabeln und Fachbegriffe geübt. In NuT kann ich inzwischen fast alles verstehen. Deshalb haben wir dann mehr deutsche Grammatik bearbeitet.
 
7. Welche Fächer machst du jetzt gern?

Englisch und Mathe sind meine Lieblingsfächer, aber auch Deutsch ist gut und Darstellen/Gestalten und Sport.


8. Du konntest dich mit vielen Kindern deiner Klasse auch in Englisch verständigen. War das hilfreich?

Das war zu Anfang sehr gut. Sie konnten für mich übersetzten und mussten auch übersetzen. Dabei haben sie auch selbst etwas gelernt. Und sie haben es wirklich gern getan. Das war gut für mich.
 

9. Du bist etwas älter als deine MitschülerInnen. Was das für dich ein Problem?

Ein richtiges Problem war das noch nicht. Am Anfang fühlte ich mich schon so, dass ich viel mehr Gedanken hatte als die anderen. Ich konnte aber auch einfach noch nicht so viel sagen. Ich dachte oft auch darüber nach, was Schülerinnen und Schüler in meinem Alter in der Schule so machen.
Viele Kinder in meiner Klasse haben vielleicht einfach noch nicht über so viel nachgedacht. Manchmal überlege ich wohl etwas mehr. Sie sind aber, obwohl sie noch ein bisschen jung sind, sehr nett. Mit einigen werde ich befreundet bleiben.


10. Du verlässt nun unsere Schule, weil du sprachlich den Anschluss an deine Altersgruppe gefunden hast, in vielen Fächern sehr gute Leistungen zeigst und wir hier noch kein 7. Schuljahr haben, in das du wechseln könntest. Du wirst deinen Schulweg an unserem Nachbargymnasium, dem Theodor-Heuss-Gymnasium, fortsetzen. Was sind deine wichtigsten Wünsche für deine schulische Zukunft?

Am Anfang wird es schwer sein, weil ich nicht nur die Schülerinnen und Schüler kennen lernen muss, sondern auch lernen muss, mit der neuen Situation klar zu kommen. Bestimmt muss ich viel mehr für die Schule tun, weil ich von der 6. in die 7. Klasse wechsle. Ich wünsche mir, dass ich nach der Eingewöhnungszeit mit den anderen Schülern und der Schule gut klar komme.


11. Du verlässt die Schule, und zur gleichen Zeit beginnen neun Schülerinnen/Schüler aus deinem Jahrgang, hier an der NSW Chinesisch zu lernen. Hast du Lust, davon etwas mitzubekommen? Vielleicht zu unterstützen?

Ich habe schon mit Frau Zhou darüber gesprochen und werde sie gern unterstützen, wenn ich Zeit habe. Meine Mama kann auch helfen, weil sie noch viel besser in Chinesisch ist als ich. Es wäre gar nicht so schlecht, wenn ich zwischendurch mal in meine „alte“ Schule kommen würde. Die anderen, Courtney zum Beispiel, haben auch schon gesagt, ich soll kommen und ihnen beim Chinesisch lernen helfen.  
 

12. Gibt es aus deiner Sicht Tipps oder Wünsche für unsere Schule? Wir haben ja gerade erst angefangen und können auch als Schule noch Einiges lernen. Was sollte so bleiben? Was sollte sich verändern?
Ich finde, dass die Lehrer etwas strenger sein könnten. Manchmal hören die Kinder nicht gut genug. Sie müssen schon die Regeln einhalten und ein bisschen mehr zu Hause tun, vielleicht auch in den Ferien.  Auch Hausaufgaben können ein bisschen helfen. Manche brauchen den Druck, weil sie mehr lernen müssen, um gut zu werden. Sie könnten es aber schaffen. Für mich war aber wichtig, auch Spaß mit den anderen zu haben. Lernen tue ich sowieso.
Liebe Chen, vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen dir viel Glück an deiner neuen Schule und freuen uns, wenn du oft zu Besuch kommst, nicht nur, um uns beim Chinesisch-Lernen zu unterstützen.


Datum: 4.5.2011
Interview: Helga Boldt, Schulleiterin
Fotos: Sabine Harnisch, Kunstlehrerin
Mitarbeit: Renée Wagner, 5. Jahrgang
 
 
 
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